Die Unendlichkeit des Eises

Merkwürdiger Titel, nicht wahr? Aber ihr werdet gleich verstehen...


Morgens ging es nach Lichtung des Nebels los, die westliche Avalon-Halbinsel an der Küste entlang nach Norden. Dabei fuhr ich an Placentia vorbei, dem zweiten Fährhafen, der über einen längeren Seeweg Nova Scotia (also das Festland) mit Neufundland verbindet, - eine Stadt wie in Finnland mitten im Wald gelegen zwischen vielen Meeresarmen und Seen. Gab dort einen netten Aussichtsberg, einer der vielen "Gun Hills", die von den früheren Kämpfen zwischen Briten und Franzosen zeugen. Weiter ging es durch das Zentrum Neufundlands auf dem Trans Canada Highway (TCH 1) Richtung Nordosten. Heutiges Ziel: Trinity in der gleichnamigen Bucht, die an der Ostküste Neufundlands liegt und nach Nordosten hin geöffnet ist. Da ich zeitig dran war und nur eine kleine Rast mit Tanken & Kaffee gemacht habe, konnte ich nachmittags in der Nähe von Trinity noch den Skerwink Trail gehen, 5,4 km an den Klippen entlang treppauf - treppab, sich durch den borealen Wald schlängelnd. Mein persönlicher Itinery der Reiseagentur (super!!) hatte den Weg empfohlen, in deutschen Reiseführern hatte ich davon nichts gelesen. Die Wanderung war das Grandioseste, was ich bisher in Neufundland erlebt habe. Das hatte mit dem schönen Trail, aber auch mit den besonderen Umständen zu tun, die ich heute dort antraf. Seht selbst:



Die ganze Bucht war voller Eis! Mir war schon bei der Anfahrt aufgefallen, dass es auf den kleinen Meeresarmen, an denen ich von ferne vorbei kam, merkwürdig oft weiß glitzerte, bis ich begriff: Das ist Eis, da muss ein Eisberg auseinander gebrochen sein. Mitnichten.


Bei der Wanderung kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus: Eis so weit das Auge reichte! So etwas habe ich noch nie gesehen, das war ja wie Grönland! Dazu das super Wetter mit blauem Himmel und Sonnenschein, es war einfach unglaublich, was ich da erlebt habe - und noch erlebe. Wie ich mir dann dachte und es aus Gesprächen erfuhr, ist das eine höchst seltene Erscheinung und passiert, wenn der Wind stark aus Nordost bläst, und das ist hier seit langem der Fall. Darum geschah das Außergewöhnliche, dass große Flächen Treibeis aus der Arktis, darin verstreut Eisberge, nach Südwesten getrieben und in die offenen Buchten hineingedrückt wurden. Dieses seltene Schauspiel habe ich heute erlebt. Es sei insofern noch besonders in diesem Jahr, als dieser Zustand schon seit vielen Tagen anhält. Wenn der Wind einmal dreht, könne das Eis mit der nächsten Tiede verschwinden. Und der Wind hat gedreht, bin gespannt, was morgen von dem Eis noch vorhanden sein wird. Was heute zu sehen war, kann man mit Worten kaum beschreiben.



Dieses Panorama hatte ich also die gesamte Wanderung vor mir, es war einfach grandios. Das herrliche Wetter tat ein Übriges. Dazu kommt, dass die Fjordlandschaft von Trinity sowie schon einfach toll ist. Zu Trinity schreibe ich morgen noch etwas, denn es ist ein historisch und touristisch sehr besonderer Ort. Wenn ich aus dem Fenster meines malerischen Inns schaue, sehe ich direkt auf einen kleinen Eisberg, der unten vor dem Haus hertreibt. Ich war eben noch auf einem kleinen felsigen Berg, dem "Gun Hill" von Trinity, von dem aus man eine  wunderschöne Sicht auf den Ort und die wundersame eisgefüllte Fjordlandschaft hat.



Morgen werde ich mehr erkunden, denn ich bin hier zwei Nächte. Der Artisan Inn ist ein sehr stilvolles Haus, heute Abend habe ich fürs Dinner reserviert, soll eine besonders gute Küche sein mit einem festen Menu pro Tag. Aber was ich heute erlebt habe, gehört wirklich zum Besten, was man man auf Reisen erleben kann. Es war die Überraschung des Tages: eine einmalige Landschaft unter ganz außerordentlichen Bedingungen von ihrer allerschönsten Seite aus zu entdecken!


Mit einer ganz andern Überraschung fing diese Tag allerdings an: Ich hatte eine Maus (!) im Zimmer gehabt, die meine Vorräte: Bagel zum Frühstück, ich war ja für eine Nacht Selbstverpfleger, angeknabbert hatte, Köttel waren auch zu sehen. Na egal, dachte ich, gibt Schlimmeres. Als ich es aber beim Auschecken erwähnte, geriet die junge Dame an der Rezeption ganz außer sich, wie ich da überhaupt hätte schlafen können, das sei ja furchtbar, skandalös, sie entschuldigte sich vielmals und hat mir sogleich den vollen Preis dieser Nacht cash erstattet. Das Geld werde ich heute Abend verprassen, - verspeisen und vertrinken, ich habe ja ein gutes Abendessen nachzuholen!


Also bisher hat Neufundland nur ein Highlight nach dem anderen zu bieten, einfach unglaublich. Das Wetter verwöhnte mich heute auch mit Wärme, trotz all des Eises. Da fühlt man sich gleich richtig wohl bei den "Newfies", wie sich die Neufundländer nennen.

Mehr Bilder gibt es im Webalbum, wenn ich eine Auswahl der vielen Fotos von heute von der Nikon-Kamera hochgeladen habe. Ich habe eine reiche Fotoausbeute mitgebracht!

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